Cannabis bei chronischen Schmerzen — Studienlage und Therapie-Praxis
Wann medizinisches Cannabis bei chronischen Schmerzen verordnet wird, was die Forschung zeigt und welche Risiken bestehen.

Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Die hier dargestellten Aussagen basieren auf Veröffentlichungen des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) sowie weiterer Fachstellen. Stand: 14.05.2026.
Chronische Schmerzen sind laut BfArM-Begleiterhebung die mit Abstand häufigste Indikation für die Verordnung von medizinischem Cannabis in Deutschland. Die Studienlage zur Wirksamkeit ist je nach Schmerzart heterogen. Cannabis wird in der Schmerztherapie typischerweise als ergänzende Behandlung (Add-on) eingesetzt, wenn klassische Schmerzmittel nicht ausreichend wirken oder nicht vertragen werden. Wir fassen die wichtigsten Punkte sachlich zusammen — und benennen Risiken und Grenzen.
Welche Schmerzformen kommen in Betracht?#
In der Schmerzmedizin werden zwei Hauptgruppen unterschieden:
- Nozizeptive Schmerzen entstehen durch Gewebeschädigung — etwa Arthrose-Schmerz, Rückenschmerz oder Tumor-bedingter Schmerz.
- Neuropathische Schmerzen entstehen durch Schädigung oder Erkrankung des Nervensystems — etwa bei diabetischer Polyneuropathie, postzosterischer Neuralgie, nach Verletzungen oder bei Multipler Sklerose.
Die Studienlage zu Cannabis bei neuropathischen Schmerzen ist nach Cochrane-Übersichtsarbeiten besser dokumentiert als bei rein nozizeptiven Schmerzen. Das BfArM weist darauf hin, dass die Datenlage je nach Schmerzart unterschiedlich gut ist.

Was sagt die Studienlage?#
Die Cochrane Library hat mehrere systematische Reviews zu Cannabis-basierten Wirkstoffen bei chronischen Schmerzen veröffentlicht. Die zentralen Aussagen lassen sich knapp zusammenfassen:
- Bei neuropathischen Schmerzen zeigt die Studienlage einen kleinen bis moderaten Effekt bei einem Teil der Patient:innen. Die Evidenz ist begrenzt, die Studienqualität ist heterogen.
- Bei rein nozizeptiven Schmerzen ist die Evidenzlage schwächer.
- Bei Tumor-Schmerzen wird Cannabis häufig als Add-on bei nicht ausreichender Wirkung von Opioiden eingesetzt — die Studienlage zur reinen Schmerzwirkung ist hier ebenfalls heterogen.
Wichtig: "Wirksamkeit in Studien" bedeutet nicht "Wirksamkeit im Einzelfall". Die individuelle Reaktion variiert stark.
Wie wirken Cannabinoide auf das Schmerzsystem?#
Das körpereigene Endocannabinoid-System reguliert unter anderem die Schmerzverarbeitung. Pharmakologisch sind die beiden bedeutendsten Cannabis-Wirkstoffe:
- THC (Tetrahydrocannabinol) — psychoaktiv, wirkt unter anderem an CB1-Rezeptoren im zentralen Nervensystem.
- CBD (Cannabidiol) — nicht psychoaktiv, hat unter anderem entzündungshemmende Eigenschaften (Stand der Grundlagenforschung).
In Cannabis-Blüten und -Extrakten sind beide in unterschiedlichen Verhältnissen enthalten. Welches Cannabinoid-Profil im Einzelfall therapeutisch in Frage kommt, ist Gegenstand der ärztlichen Indikationsprüfung. Konkrete Sortenempfehlungen geben wir nicht — die Auswahl trifft die behandelnde Ärzt:in.
Cannabis als Add-on zur klassischen Schmerztherapie#
In der Schmerzmedizin gilt das WHO-Stufenschema und die Multimodale Schmerztherapie als Standard. Cannabis wird in der Praxis häufig zusätzlich zu bestehenden Therapien eingesetzt, nicht als deren Ersatz. Typische Konstellationen:
- bei unzureichender Wirkung oder Unverträglichkeit von Opioiden,
- zur Reduktion der Opioid-Dosis (Opioid-sparende Strategie),
- ergänzend zu Antidepressiva oder Antikonvulsiva bei neuropathischen Schmerzen.
Die Entscheidung, ob Cannabis im Einzelfall sinnvoll ist, treffen Patient:in und Ärzt:in gemeinsam — auf Basis der Vorgeschichte, der aktuellen Medikation und der individuellen Krankheitssituation.

Risiken und Nebenwirkungen#
Wie bei jedem Arzneimittel sind Risiken zu beachten. Laut BfArM gehören zu den möglichen Nebenwirkungen unter anderem:
- Müdigkeit, Schwindel, Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen,
- Mundtrockenheit, Übelkeit,
- erhöhte Herzfrequenz, Blutdruckveränderungen,
- veränderte Wahrnehmung, bei höheren Dosen auch psychische Effekte (Angst, Verwirrtheit),
- Wechselwirkungen mit Antidepressiva, Antikoagulantien, Schmerzmitteln,
- bei längerer Anwendung Toleranzentwicklung und Abhängigkeit möglich,
- Fahruntauglichkeit — siehe Cannabis und Fahrerlaubnis.
Bei psychischen Vorerkrankungen (insbesondere Psychosen, schweren Angststörungen) ist besondere Vorsicht geboten. Die Indikationsprüfung berücksichtigt diese Risiken.
Was sollten Patient:innen vor der Verschreibung wissen?#
Vor Therapiebeginn ist sinnvoll:
- Vollständige Schmerz-Vorgeschichte dokumentieren (idealerweise mit Schmerztagebuch),
- bisherige Therapien und deren Wirkung/Verträglichkeit auflisten,
- aktuelle Medikation schriftlich zur Sprechstunde mitbringen,
- realistische Erwartungen mit der Ärzt:in besprechen — die Studienlage zeigt heterogene Ergebnisse, ein Therapieerfolg ist nicht garantiert,
- Auswirkungen auf Fahrtauglichkeit, Beruf, Alltag klären.
Ein Schmerztagebuch über die ersten Wochen der Therapie hilft, Wirkung und Nebenwirkungen einzuordnen.

Nicht-medizinische Alternativen für Erwachsene#
Wer keine medizinische Indikation hat, aber als Erwachsene nicht-medizinisch Zugang sucht, kann seit 2024 zwei Wege gehen:
- Eigenanbau — bis zu drei Pflanzen pro erwachsene Person nach §9 KCanG.
- Anbauvereinigung — gemeinschaftlicher Eigenanbau in einer genehmigten Vereinigung, bis zu 50 g pro Monat.
Diese Wege sind keine medizinische Versorgung und ersetzen keine ärztliche Therapie chronischer Schmerzen. Sie unterliegen auch nicht der pharmazeutischen Qualitätskontrolle wie Apothekenware.
Anbauverein in deiner Stadt finden#
Wenn du in deiner Stadt nach genehmigten Anbauvereinigungen suchst, findest du eine Auswahl der aktiven Vereinigungen hier:
→ Alle 30+ Städte im Verzeichnis
Häufige Fragen#
Bei welchen chronischen Schmerzen wird Cannabis verordnet?
Wirkt Cannabis bei jedem gegen Schmerzen?
Ersetzt Cannabis Schmerzmittel wie Opioide?
Welche Risiken hat eine Cannabis-Therapie bei Schmerzen?
Wer trägt die Kosten der Cannabis-Schmerztherapie?
Quellen#
- BfArM — Cannabis als Medizin / Begleiterhebung — Auswertung Verordnungspraxis und Anwendungsgebiete
- BMG — Cannabis als Medizin — Behörden-Übersicht
- Cochrane Library — Cannabis-based medicines for chronic pain — systematische Übersichtsarbeiten
- Deutsches Ärzteblatt — Cannabis-Themenseite — fortlaufende Fachberichterstattung
- Medizinal-Cannabisgesetz (MedCanG) — Gesetzestext
Weiterlesen#
Anbauverein in deiner Stadt finden
Über 400 genehmigte Anbauvereinigungen in Deutschland — neutral gelistet, mit Wartelisten-Status und Karte.
Zur Verein-Suche →Quellen-Stand: 14.05.2026. Diese Seite ist eine redaktionelle Zusammenfassung und ersetzt keine ärztliche Beratung.
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